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31.03.2026
World Tour, Story Marlen Reusser: "Das Risiko fährt immer mit"

Nach ihrem heftigen Sturz an der UAE Tour und einer zweimonatigen Zwangspause lanciert Marlen Reusser ihre Saison neu. Die Zeitfahr-Weltmeisterin gibt am Mittwoch in Flandern ihr Comeback.

Eigentlich ist Marlen Reusser Geduld gewohnt. Die Bernerin musste in ihrer Karriere schon etliche Stürze verkraften, steckte zahlreiche Brüche weg und verlor mehrere Zähne. Nach ihrer Long-Covid-Erkrankung 2024 meldete sie sich im letzten Jahr stärker denn je zurück und krönte ihr Comeback-Jahr im Herbst mit dem WM-Titel im Zeitfahren. Doch der Start in die Saison 2026 verlief erneut alles andere als erhofft.

Die 34-Jährige aus Hindelbank, die seit Anfang letztem Jahr in Andorra wohnt, hat erst vier Renntage in den Beinen. Schuld daran ist jener 6. Februar, den sie so schnell nicht vergessen wird. "Es passierte bei einer Sprintankunft an der UAE Tour, fünf Kilometer vor dem Ziel. Die Hektik war gross. Vor mir stützten einige Fahrerinnen. Ich hatte keine Chance auszuweichen und flog mit einem Salto über andere hinweg", erzählt sie in einer Medienrunde. Der schwere Sturz hinterliess deutliche Spuren: Ihr Helm war zersplittert, der Velorahmen doppelt gebrochen.

Doch wer Reusser kennt, weiss um ihre pragmatische Art. "Das Risiko fährt immer mit, ein Sturz kann immer passieren", sagt sie nüchtern über ihren Alltag als Veloprofi und erinnert sich an den chaotischen Moment in den Emiraten. "Mir tat alles weh, aber ich dachte: Ich überlebe das. Bei den Untersuchungen im Spital hatte ich dann grosse Freude", erzählt sie mit einem Schmunzeln. "Die Ärzte dachten, ich hätte einen an der Waffel. Aber ich war einfach glücklich, dass nichts Schlimmeres passiert ist. Ich hatte bei dem Sturz wirklich viel Glück."

Ganz ohne Folgen blieb der Abflug bei Tempo 60 jedoch nicht. Die Verletzungen an der linken Schulter und eine massive Rissquetschwunde am linken Knie hielten sie letztlich doch länger vom Renngeschehen fern, als zunächst vermutet. Ein erster Comeback-Versuch Anfang März bei der Strade Bianche kam noch zu früh.

Nun, fast zwei Monate nach dem Unfall, fühlt sie sich bereit. Am Mittwoch will Reusser bei "Quer durch Flandern" ihre Form testen, bevor vier Tage später mit der Flandern-Rundfahrt ein grosser Klassiker ansteht. Wegen der Zwangspause konnte Reusser nicht so spezifisch trainieren, wie es für die harten belgischen Eintagesrennen nötig gewesen wäre. Besonders die lädierte Schulter bereitet ihr noch Sorgen. Reusser ist unsicher, wie diese auf die brutale Belastung des Kopfsteinpflasters reagieren wird. Trotz allem zeigt sie sich verhalten optimistisch: "Ich bin nicht in Topform, aber solide unterwegs."

Obwohl eine Woche später mit dem Pavé-Klassiker Paris-Roubaix ein Rennen anstünde, das wie gemacht scheint für eine kraftvolle Fahrerin wie Reusser, wird sie dort fehlen. Das war von vornherein so geplant. Doch warum eigentlich? "Ich sage immer: Wenn es ein Einzelzeitfahren wäre, dann wäre es was anderes", erklärt sie ihren neuerlichen Startverzicht für die berüchtigte Fahrt durch die "Hölle des Nordens".

Das gefährliche Gedränge auf den Pavés ist nichts für sie. "Ich bin generell kein Fan dieses Chaos bei den Klassikern - und Roubaix ist da noch einmal eine Stufe extremer. Schon allein die Hektik bis zu den ersten Sektoren liegt mir einfach nicht.“ Reusser wägt das Risiko kühl ab: "Es gibt dort viele Stürze, und ich habe mittlerweile sehr gute Chancen bei den grossen Rundfahrten später im Jahr. Warum also dieses Risiko eingehen? Warum dieser Stress und die Gefahr eines Sturzes, wenn noch so wichtige Ziele kommen?"

Eines dieser Ziele ist die Vuelta im Mai. Um bei der einwöchigen Spanien-Rundfahrt in Bestform zu sein, hat sich Reusser für ein besonderes Projekt entschieden: Sie reist für zwei Wochen ins Höhentrainingslager in die Sierra Nevada, um dort gemeinsam mit den Männern ihres Teams Movistar zu trainieren, die sich auf den Giro d’Italia vorbereiten.

Von diesem unkonventionellen Sparring erhofft sie sich einen Mehrwert. Die harten Intervalle mit den männlichen Profi sollen sie aus der Komfortzone locken und ihr jene physische Härte geben, die für den Kampf um das Gesamtklassement bei den Grands Tours nötig ist. Dass Movistar als kombiniertes Team solche Synergien zwischen den Geschlechtern aktiv fördert, war ein wichtiger Grund für ihren Wechsel zum spanischen Rennstall.

Das alles dient einem grossen Ziel, das 2026 über allem thront: Die Tour de France Femmes im August. Da die Frankreich-Rundfahrt in Lausanne startet und an den ersten drei Tagen durch den Westen der Schweiz führt, ist es für Reusser ein echtes Heimspiel. Davor wird sie auch die Tour de Suisse bestreiten. Immer vorausgesetzt, es kommen keine weiteren ungeplanten Zwischenfälle dazwischen.

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