02.10.2026
EM Ljubljana, Vorschau Frauen: Marlen Reusser hofft auf ein Trostpflaster für Montreal
Für Marlen Reusser wäre der EM-Strassentitel am Samstag in Ljubljana eine Wiedergutmachung für die verpasste WM-Medaille. Danach strebt sie im Zeitfahren die erfolgreiche Titelverteidigung an.
Platz 4 vor einer Woche in Montreal beschäftigt die Bernerin noch. Trotz guter Gemütslage in Slowenien sei "ein bisschen Genervtheit" geblieben, erwähnt sie gegenüber Keystone-SDA. Nun bietet sich ihr die Gelegenheit zur sportlichen Revanche. Weil sie weitgehend dieselben Favoritinnen erwartet wie an der WM, hätte ein Erfolg in Ljubljana einen besonderen Reiz.
"Es wäre schon ein kleines Trostpflaster für das, was wir an der WM verspielt haben", betont Reusser. Die Bedeutung eines WM-Titels hätte das EM-Trikot zwar nicht. Gleichwohl geniesse dieses Trikot angesichts der Konkurrenz einen hohen Stellenwert, jede würde es gerne tragen.
Gemeinsam mit Noemi Rüegg führt die 35-Jährige das Schweizer Team am Samstag erneut an. Die konkrete Taktik sei noch nicht besprochen worden, sagt sie. Fest stehe aber, dass sie keine Kräfte für das Zeitfahren am Mittwoch sparen werde. Denn am Mixed-Teamzeitfahren am Dienstag nimmt sie nicht teil.
Für beide Schweizerinnen ist der Parcours nicht die Wunschstrecke. "Es ist nicht der EM-Strassenkurs meiner Träume", meint Reusser und beschreibt den Gegensatz zu Montreal. Dort sammelten die Fahrerinnen im ständigen Auf und Ab viel Müdigkeit an. In Ljubljana steht einem ansonsten flachen Rennen zweimal eine Schlussrunde mit einer rund 2 km lange Rampe mit höchster Intensität gegenüber. Der Anstieg in dieser Schlaufe rund 10 km vor dem Ziel werde "brutal hart" sein. Und Rüegg meint: "Der Berg an diesem EM-Rennen ist härter als der an der WM. Er ist länger und auch viel steiler. Einfach wird das nicht."
Mit Reusser und Rüegg können die Schweizer Frauen zwei Trumpfkarten spielen. Eine taktische Möglichkeit sieht Rüegg darin, der Selektion am Berg zuvorzukommen. Bildet sich auf der Anfahrt zur Schlussrunde, die zweimal befahren wird, eine starke Spitzengruppe, soll die Schweiz vertreten sein. Gerade für sie könnte ein solcher Vorstoss wertvoll sein: Ein kleiner Vorsprung würde ihr erlauben, den Berg für die erste Passage mit einem Polster in Angriff zu nehmen. Bleibt das Feld hingegen zusammen, ist die Aufgabe einfacher formuliert als erfüllt: "Sonst müssen wir einfach am Berg dranbleiben, da gibt es eigentlich nicht viel anderes."
Auch ein Rückstand nach dem ersten Anstieg muss die Schweizer Medaillenhoffnungen noch nicht beenden. Auf der Höhe folgen laut Rüegg wellige 3 km, ehe die eigentliche Abfahrt beginnt. Befinden sich die beiden Leaderinnen gemeinsam hinter der Spitze, wollen sie ihre Kräfte bündeln und die Lücke schliessen. Voraussetzung wäre auch, dass die Fahrerinnen vorne bei der Zusammenarbeit zögern. Nach einem Zusammenschluss könnte sich zwischen den beiden Anstiegen die Gelegenheit für eine Schweizer Attacke bieten.
Reussers zweites Ziel ist die Titelverteidigung im Zeitfahren. Dort wartet eine besondere Aufgabe: Auf einen topfebenen Abschnitt folgt die Schlussrunde des Strassenrennens mit dem Anstieg mit bis zu 13 Steigungsprozenten. Der Kurs unterscheidet sich stark vom fast flachen, technischen WM-Zeitfahren in Montreal, wo sie Gold gewonnen hatte.
Einen weiteren fünften Titel betrachtet Reusser keineswegs als selbstverständlich. Gerade das reizt sie. Mehr als ein zusätzlicher Eintrag im Palmarès zählt für sie das Erlebnis, gegen starke Konkurrenz ein gutes Rennen zu fahren und zu gewinnen.
Die Belastung der vergangenen Monate spürt Reusser inzwischen deutlich. Sie habe viel in die grossen Ereignisse investiert, nun merke sie, wie die Saison langsam ausklinge. Ihre Form sei nicht mehr auf dem früheren Höchststand, aber weiterhin "tipptopp". Auch die Motivation stimmt: "Der Hunger ist noch da. Die Energie ist noch da."
Rüegg sieht in ihrer verletzungsbedingten Rennpause zumindest einen Vorteil für den Saisonendspurt. "Ich bin jetzt im Kopf sicher frischer als in anderen Jahren gegen Ende der Saison." Ihr Rennkalender sei weniger dicht gewesen, sie habe neue Energie tanken können.
Eine Erholungsphase war die Verletzungspause dennoch nur bedingt. Die Zürcherin verweist auf das intensive Training und die mentale Belastung, die Verletzung zu verarbeiten. Auch sie werde langsam müde und sei froh, wenn die Saison vorbei sei. Für das EM-Strassenrennen sei sie aber noch motiviert. Der Titel wäre nach eigener Einschätzung ihr bisher grösster Erfolg. Das Trikot während einer ganzen Saison tragen zu dürfen, bezeichnet sie als "riesigen Traum".
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