30.07.2026
Tour de France Femmes, Vorschau (2), Extra: Zwischen Zuversicht und Ungewissheit
Die Tour de France Femmes startet am Samstag in Lausanne, mit Marlen Reusser als Schweizer Hoffnungsträgerin. Nach einem schwierigen Saisonstart will die Bernerin bei ihrer vierten Teilnahme glänzen.
Marlen Reusser lächelt. Nicht nur, weil die Tour de France Femmes unmittelbar bevorsteht, sondern auch, weil sie sich in ihrer Wahlheimat Andorra während eines dreiwöchigen Höhentrainings optimal darauf vorbereiten konnte.
Obwohl sie bei der Tour de Suisse mit dem Sieg auf der abschliessenden Bergetappe nach Villars-sur-Ollon sowie ihrem dritten Gesamtsieg überzeugte, war diese Vorbereitung für die Bernerin dringend notwendig. "Mir fehlen Trainingskilometer", erklärte sie nach ihrem Erfolg im Juni.
Denn in dieser Saison lief nicht alles nach Plan. Während ihre Konkurrentinnen ihre Form aufbauten, musste sich die Zeitfahr-Weltmeisterin nach einem Sturz an der Flandern-Rundfahrt von zwei Wirbelbrüchen erholen.
"Nach dem Sturz mussten wir praktisch bei null beginnen. Ursprünglich war gar nicht geplant, den Giro zu fahren. Doch um wieder auf mein früheres Niveau zu kommen, brauchte ich Rennkilometer. Bis zur Tour de Suisse ohne Wettkampf zu bleiben, konnte ich mir nicht vorstellen", erklärte Reusser Mitte Juli bei einem Medientermin.
"Ich war froh, dort starten zu können. Gleichzeitig merkte ich, dass ich muskulär wegen der Wirbelbrüche deutlich mehr Probleme hatte als erwartet." Die 34-Jährige beendete den Giro d'Italia im 13. Gesamtrang.
Inzwischen sind die Schmerzen verschwunden. Die Trainingswochen in Andorra verliefen nach Plan. Vor ihrer vierten Teilnahme an der Tour de France bleibt Reusser dennoch vorsichtig optimistisch. Der Sieg an der Tour de Suisse gibt ihr zwar Selbstvertrauen, eine gewisse Unsicherheit bleibt.
"Ich wäre lieber unter anderen Umständen hier angekommen. Aber angesichts der Situation konnte ich sehr gut arbeiten und glaube, dass ich in einer guten Ausgangslage bin. Ob das reichen wird, werden wir sehen."
Diese Ungewissheit wird zusätzlich dadurch verstärkt, dass praktisch alle Topfahrerinnen ihren Formhöhepunkt für die Tour anpeilen. "Es fehlt kein grosser Name, das verspricht ein grossartiges Rennen. Aber wer tatsächlich in Topform ist, weiss niemand - und das ist auch gut so. Letztes Jahr gewann Pauline Ferrand-Prévot die Tour, obwohl sie vorher kaum etwas gezeigt hatte. Sollte sich etwas Ähnliches wiederholen, würde mich das nicht überraschen. Ich konzentriere mich vor allem auf mich selbst.“
Mit 34 Jahren sammelt die Gesamtzweite der Vuelta 2025 und des letztjährigen Giros weiterhin neue Erfahrungen. Die Tour de France des vergangenen Jahres endete für sie bereits am ersten Tag mit einer Lebensmittelvergiftung. Ursache war ein Restaurantbesuch, bevor der Koch ihres Teams eingetroffen war.
"Diesmal wird unser Koch die erste Person sein, die vor Ort ankommt", versichert Reusser. "Bei einem Rennen wie der Tour wollen wir dieses Risiko nicht mehr eingehen."
Mit einem Lächeln erzählt sie ausserdem eine kleine Anekdote: "Ich hasse Lebensmittelverschwendung. Früher habe ich oft gesagt: Ich esse den Rest, wenn jemand seinen Teller nicht leer gegessen hat. Ich hatte nie Probleme. Heute bin ich deutlich vorsichtiger geworden."
In diesem Jahr geht Reusser mit so hohen Ambitionen wie nie zuvor in die Tour. 2022 und 2023 fuhr sie noch im Dienst der Niederländerin Demi Vollering, einer der grossen Favoritinnen. Damals gewann sie zwar zwei Etappen, musste 2022 jedoch nach dem sechsten Tag aufgeben und belegte 2023 den 28. Gesamtrang.
"Es ist das erste Jahr, in dem ich die Tour de France wirklich als mein persönliches Hauptziel vorbereitet habe", sagt die Zeitfahrspezialistin, die bei Movistar erstmals an der Tour als Captain an den Start gehen wird. Dass es gleich in der Schweiz losgeht, motiviert sie zusätzlich. "Ich freue mich riesig darauf. Das ist wirklich etwas Besonderes."
Allerdings rechnet sich Marlen Reusser bei den ersten beiden Etappen vor heimischem Publikum nur geringe Siegchancen aus, da diese voraussichtlich in Massensprints enden - eine Disziplin, in der sie "nicht die Schnellste" ist. Sollte sich in Lausanne jedoch eine Gelegenheit für die besten Puncherinnen ergeben, will sie diese nutzen. "Wenn sich die Chance auf einen Etappensieg bietet, werde ich sie ergreifen."
Vor dem "Grand Départ" in der Westschweiz hofft Reusser vor allem auf grosse Begeisterung für den Frauenradsport. "Ich hoffe, dass es ein grosses Fest wird und die Menschen genauso mitfiebern wie bei einer Fussball-WM. Und wenn am Ende sogar ein Gesamtsieg herausspringen würde, wäre das natürlich etwas Aussergewöhnliches."
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