25.08.2026
WM Val di Sole, Vorschau (2) Story Sina Frei: Der Vorweihnachts-Schreck ist weit weg
Sina Frei ist die Frau der Stunde im Mountainbike. Die Zürcherin reist nach vier Siegen in Folge mit reichlich Selbstvertrauen an die Weltmeisterschaften in Val di Sole. Der Ort weckt bei ihr besondere Erinnerungen.
Südkorea, Anfang Mai. Der Regen peitscht ins Gesicht, der Schlamm klebt an den Rädern. Sina Frei fährt beim Weltcupauftakt trotzdem allen davon. Zwei Tage zuvor hat die Zürcherin bereits im Short Track gewonnen. Nun folgt ihr erster Sieg im olympischen Cross-Country.
Ein seltenes Double. Erst zum zehnten Mal gelingt es einer Frau im Weltcup, beide Rennen an einem Wochenende zu gewinnen. Vergangenes Wochenende wiederholte sie das Kunststück in Les Gets und bestätigte damit ihren doppelten Gold-Gewinn von Anfang Monat an der Heim-EM im Tessin.
Dass Sina Frei diese Saison auf so konstant hohem Niveau fährt, ist alles andere als selbstverständlich. Kurz vor Weihnachten stürzte sie im Trainingslager in Italien. Die linke Hand und das linke Schlüsselbein waren gebrochen. Beide Verletzungen mussten operiert werden. Innert zwei Tagen lag sie zweimal auf dem Operationstisch.
Danach begann die Geduldsprobe. Frei musste wochenlang warten, bis sie wieder aufs Bike durfte. Schritt für Schritt ging es zurück. Ausgerechnet der Stepper wurde dabei zum wichtigen Trainingsgerät. Normalerweise gehört Joggen nicht zu ihrem Fitnessprogramm. In der Reha aber absolvierte sie regelmässig Intervall-Training auf dem Treppensteiger. Und der ungeliebte Zwang zum Indoor-Training zahlte sich offensichtlich aus.
Denn zurückzukommen, bedeutete für Frei vor allem eines: Geduld zu haben. Ihre grösste Stärke ist das nicht unbedingt. "Aber ich bin davon überzeugt, dass keine Karriere einfach nur hoch geht. Es gibt auch ab und zu diese Auf und Ab." Ihren Willen habe sie nie verloren. Auch dann nicht, als die grossen Erfolge ausblieben. "Ich war mental trotzdem stark, um durchzubeissen und weiterzumachen."
Denn Frei weiss, wie sich Erfolg anfühlt. Als Nachwuchsfahrerin reihte sie Sieg an Sieg. 2019 stieg sie in die Elite auf und mischte bald an der Weltspitze mit. 2021 folgte der grosse Coup. In Tokio gewann sie Olympia-Silber und wurde Teil des historischen Schweizer Dreifacherfolgs. Kurz darauf wurde sie Weltmeisterin im Short Track, als erste Frau überhaupt in dieser Disziplin. Im Cross-Country holte sie WM-Bronze.
2022 gewann sie mit Laura Stigger das Cape Epic, das härteste Etappenrennen in Südafrika. Danach aber wurde es schwieriger. Immer wieder wurde Frei ausgebremst. Verletzungen, Rückschläge und Rennen, in denen sie ihr Potenzial nicht abrufen konnte, hinterliessen Fragezeichen. Auch bei den Olympischen Spielen in Paris lief es nicht rund. Nach einem Handbruch wurde sie erst nicht selektioniert, rückte nach Jolanda Neffs gesundheitsbedingter Absage aber doch ins Team nach. Im Rennen streikte ihre Schaltung. Frei belegte nur Platz 21.
Im September 2024 folgte in Lake Placid der Befreiungsschlag. Frei gewann im Short Track erstmals ein Weltcuprennen bei der Elite. Doch der Weg zurück an die absolute Spitze war noch nicht abgeschlossen.
Nun ist sie dort wieder angekommen und fühlt sich sehr wohl. Nach ihrem Premierensieg im Cross Country im Mai in Südkorea verspürte sie eine gewisse Erleichterung. Dieser Erfolg scheint etwas ausgelöst zu haben.
Auf diese Saison hin wechselte Frei den Trainer. Die Zusammenarbeit habe vieles vereinfacht, sagt sie. "Er ist ins Team integriert und deshalb immer vor Ort." Sie habe wieder in den Flow gefunden. "Das starke Team hinter mir gibt mir zusätzlich Selbstvertrauen und Energie."
Mit 1,51 Metern ist Frei die kleinste Athletin im Feld. Doch sie macht ihre geringe Körpergrösse zum Vorteil. In steilen Anstiegen ist sie deshalb längst als "Bergfloh" bekannt. Sie ist agil, technisch stark und gibt nicht auf. Ihre Philosophie passt dazu. Erfolg bedeutet für sie nicht zwingend, zu gewinnen. "Sondern dass man sein Bestes gibt und seine Grenzen auslotet."
Im Moment lotet Frei diese Grenzen sehr weit aus. Sie fährt derzeit mit einer Selbstverständlichkeit, die sie so in ihrer Karriere wohl noch nie hatte. Sie fährt in jedem Rennen um Podestplätze. "Es zeigt, dass meine Form auf dem richtigen Niveau ist", sagte sie am Sonntag nach ihrem Sieg bei der WM-Hauptprobe in Les Gets.
Nun wartet Val di Sole. Der Ort in den italienischen Alpen könnte kaum besser passen. Als dort vor fünf Jahren letztmals Weltmeisterschaften stattfanden, wurde Frei Weltmeisterin im Short Track und gewann Bronze im Cross-Country. Beste Erinnerungen also.
In der aktuellen Verfassung ist sie die Frau, die es im Trentino zu schlagen gilt. Und sie hat ein klares Ziel. "Es ist ein Traum von mir, Weltmeisterin zu werden", sagte sie nach ihrem fulminanten Saisonstart im Mai. Der noch fehlende WM-Titel im Cross-Country wäre der nächste grosse Meilenstein. Und die Krönung einer Saison, die schon jetzt bemerkenswert ist.
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