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24.09.2026
WM26 Montreal Vorschau Strassenrennen Frauen: Zwei Schweizer Trümpfe für das Ende einer langen Durststrecke

Seit 24 Jahren wartet die Schweiz auf eine WM-Medaille im Strassenrennen der Frauen. Mit Marlen Reusser und Noemi Rüegg verfügt sie in Montreal über gleich zwei Trümpfe, um diese Durststrecke zu beenden.

Vor zwölf Monaten sorgte Magdeleine Vallieres für eine riesige Überraschung. Mit erst ihrem zweiten Sieg als Profi krönte sich die Kanadierin in Kigali zur Weltmeisterin. Nun bietet sich ihr die seltene Gelegenheit, das Regenbogentrikot vor heimischem Publikum in Montreal zu verteidigen. Es ist das erste Mal seit 1989, dass die amtierende Strassen-Weltmeisterin ihren Titel im eigenen Land verteidigen kann. Damals feierte die legendäre Jeannie Longo ihren vierten WM-Triumph in Folge.

Im Mittelpunkt steht allerdings Demi Vollering. Die Niederländerin kann eine herausragende Saison mit der "Triple Crown" krönen: Nach ihren Siegen beim Giro d'Italia und bei der Tour de France fehlt ihr noch der WM-Titel. Hinzu kommen zahlreiche Erfolge bei den Frühjahrsklassikern. Der anspruchsvolle und explosive Parcours in Montreal sowie die grosse Zahl an Mitfavoritinnen dürften Vollering sechs Tage nach der Enttäuschung im Einzelzeitfahren (Platz 8) die Aufgabe allerdings alles andere als leicht machen.

Zu den ernst zu nehmenden Herausforderinnen gehören mit Marlen Reusser und Noemi Rüegg auch zwei Schweizerinnen. Reusser bietet sich sechs Tage nach der erfolgreichen Titelverteidigung im Einzelzeitfahren die Chance auf das WM-Double. Als bislang letzte Fahrerin gewann die Niederländeirn Anna van der Breggen 2020 an derselben WM sowohl im Kampf gegen die Uhr als auch im Strassenrennen.

Dabei muss die Schweizer Equipe keineswegs alles auf Reusser setzen. Nationaltrainer Edi Telser sieht mit Rüegg eine zweite Leaderin. "Sie haben gezeigt, dass sie wirklich zu den Besten gehören und um den Titel mitfahren können", sagt er über die beiden. Die letzte Schweizer WM-Medaille im Strassenrennen der Frauen liegt 24 Jahre zurück: 2002 gewann Nicole Brändli in Zolder Silber.

Gleichzeitig betont Telser: "Wir spielen sicher mit mehreren Karten." Auch Ginia Caluori und die Landesmeisterin Steffi Häberlin können je nach Rennverlauf eine Rolle spielen. Das Schweizer Sextett komplettieren Jasmin Liechti und Linda Zanetti.

Gerade die unterschiedlichen Qualitäten von Reusser und Rüegg eröffnen taktische Möglichkeiten. Reusser kann mit Attacken versuchen, eine Vorentscheidung herbeizuführen. Rüegg verfügt dagegen über die Explosivität, um aus einer kleineren Gruppe um die Medaillen zu sprinten.

Rüegg kommt der Parcours besonders entgegen. "Er ist wirklich ziemlich zugeschnitten auf mich", sagt die 25-jährige Zürcherin. Nach der flachen Anfahrt nach Montreal wartet der 13,4 km lange Rundkurs am Mont Royal, den die Frauen achtmal absolvieren müssen. Herzstück ist der 1,6 km lange und durchschnittlich 7,4 Prozent steile Camillien-Houde. Hinzu kommen weitere kurze Anstiege und kaum Möglichkeiten zur Erholung. Genau diese wiederholten Belastungen zwischen zwei und fünf Minuten entsprechen Rüeggs Stärken. Sie erwartet ein offensives Rennen mit zahlreichen Attacken.

Rüegg blickt auf eine Saison mit zwei völlig unterschiedlichen Hälften zurück. Nach dem Gesamtsieg an der Tour Down Under im Januar bestätigte sie ihre starke Form auch bei den Frühjahrsklassikern, unter anderem mit Platz 2 bei Mailand-Sanremo. Im Mai gewann sie die Auftaktetappe der Vuelta und übernahm das Leadertrikot. Tags darauf stürzte sie und brach sich den Oberarm. Erst drei Monate später kehrte sie bei der Tour de France ins Renngeschehen zurück.

Was zunächst ein herber Rückschlag war, könnte sich im langen Saisonfinale als Vorteil erweisen. "Im Nachhinein hat die Verletzung auch etwas Positives", sagt Rüegg. Durch die lange Pause sei sie körperlich und geistig noch frisch und habe "Energie und Motivation, um im letzten Teil der Saison voll anzugreifen". Ihre Form stimmt: "Ich fühle mich sehr stark, dort, wo ich jetzt sein möchte."

Auch ihr Selbstverständnis hat sich verändert. Bei EF Education-Oatly ist Rüegg in den vergangenen Jahren immer stärker in die Leaderrolle hineingewachsen. "Jetzt bin ich langsam dort angekommen, dass ich mich auch wohlfühle als Leaderin innerhalb des Teams."

Dass ein starkes Team allein keine Garantie für eine Medaille ist, erfuhren die Schweizerinnen vor einem Jahr. In Kigali waren sie prominent vertreten und übernahmen viel Verantwortung, dennoch entglitt ihnen wie den anderen Topnationen das Rennen. Als sich vorne eine Gruppe mit späteren Medaillengewinnerinnen absetzte, reagierte die Schweiz zu spät. Elise Chabbey wurde noch Vierte, Reusser Neunte.

"Es ist wirklich dumm gelaufen", blickt Reusser zurück. Eine mögliche Lehre sieht sie darin, mehr Fahrerinnen zurückzuhalten, statt in eine Fluchtgruppe zu schicken, um bei Bedarf das Rennen besser kontrollieren zu können.

Vor allem die Niederländerinnen erwartet Reusser in einer aktiven Rolle. "Ich vermute, dass die Niederlande komplett auf Demi Vollering setzen und das Rennen kontrollieren werden. Neben ihnen werden wir aber sicher eine der stärksten Nationen sein."

Erschwert wird die taktische Kontrolle dadurch, dass an der WM ohne Teamfunk gefahren wird. Nationaltrainer Telser bezeichnet dies als eine der grossen Herausforderungen. Verschiedene Szenarien sollen deshalb vor dem Rennen durchgespielt werden, damit die Fahrerinnen in entscheidenden Situationen selbst reagieren können. "Mit einem Plan kann man ins Rennen starten, aber Plan A kann man sehr selten eins zu eins umsetzen."

Gerade in Kigali sei deutlich geworden, wie lange es ohne Funk dauern könne, bis Informationen über die Rennsituation bei den Fahrerinnen ankommen. Rüegg sieht darin neben dem Nachteil auch einen besonderen Reiz. "Es macht es auf eine Art auch spannend, weil man mehr nach dem eigenen Instinkt fährt und nicht immer jemanden hat, der einem sagt, was man machen muss."

Neben Reusser und Rüegg wollen noch weitere Fahrerinnen Vollering herausfordern. Zum Kreis der Favoritinnen zählen unter anderen die Polin Katarzyna Niewiadoma-Phinney, die Italienerin Elisa Longo Borghini, die Spanierin Paula Blasi oder die Französin Cédrine Kerbaol, die auf dem anspruchsvollen Parcours alle eine entscheidende Rolle spielen können. Vieles spricht deshalb für ein schwer zu kontrollierendes Rennen. Auf genau dieses Szenario wollen sich die Schweizerinnen nach den Erfahrungen von Kigali besonders gut vorbereiten.

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